Bärbel Köhler
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Außergewöhnliches Projekt

Reisebericht - Ein außergewöhnliches Projekt

von: Bärbel Köhler

Alles begann auf dem Zoologenkongress in Leipzig, dort hielt ich aus beruflichen Gründen einen Vortrag über das Projekt der Loro Parque Fundación (LPF), das Schutz und Erhaltungsprogramm bedrohter Papageien in aller Welt.

Für die Loro Parque Fundación habe ich bereits zwei Projekte betreut und weltweit in diesen mitgearbeitet. Zurzeit arbeite ich für die Firma Abaxis welche Labordiagnostikgeräte im Veterinär- und im Humanbereich herstellt. Da unsere Geräte sehr klein, einfach zu bedienen und überall einsetzbar sind, sind wir in vielen Projekten vertreten (www.abaxis.com).

Auf diesem Kongress habe ich nun erfahren, dass zwei unserer Geräte der VetScan VS2 für die Klinische Chemie sowie auch der VetScan HM5 für die Hämatologie auf Borneo bei BOS (Borneo Observation Survival Station) in Nyaru Menteng (Central Kalimantan) stehen. Diese Geräte wurden von der World Society of Protecting Animals (WSPA) gesponsert.

Die Leitung der WSPA sprach mich aufgrund meiner großen Erfahrung im Projektbereich an, ob ich nicht die BOS einmal vor Ort besuchen möchte, die Kosten wären allerdings von mir selbst zu tragen. Ich habe diesem Vorschlag spontan zugesagt und meinen Urlaub dafür verwendet. Ich bin gelernte MTLA mit vielen Jahren Praxis und Lehramt zur Lehr-MTA. Wichtig war, dass man Erfahrung in dem Bereich hatte und Projekte betreuen kann. So gab ich meine Zusage, um dort vor Ort zu helfen und im Laborbereich mitzuarbeiten und meine Erfahrung einzusetzen.

Es waren viele Vorbereitungen zu treffen und Spenden zu sammeln für benötigte Dinge vor Ort wie z. B. Antibiotika, Blutgasmessgeräte, Blutdruckmessgeräte, Verbände und vieles mehr. In meinem Keller stapelten sich die Kisten. Nach vielen unzähligen Gängen zu meinem Arzt bzgl. Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen hat mein Hausarzt mir Medikamente für Kleinkinder mitgegeben und ich erhielt mein Gesundheitsattest. Die Auflagen sind hier sehr streng. Insgesamt kamen auf der Waage 66 kg zusammen. Ich setzte ein freundliches Anschreiben an die Singapore Airlines auf und bat um Erhöhung des Freigepäcks, da es sich ja um Spenden für dieses Projekt handelte, und sie sagten mir 40 kg zu.

Als ich nach Monaten am Flughafenschalter stand,

wurde das ganze Gepäck als Freigepäck gemeldet. Was für eine Erleichterung. Nach zwei Tagen Reise kam ich mit Sack und Pack bei BOS an. Hindernisse, wie der Versuch dem indonesischen Zoll klar zu machen, dass dies für die lieben Orang-Utans sei, waren geglückt und ich konnte ohne Schwierigkeiten einreisen.

Meine Nervosität sank, als ich von sehr freundlichen Mitarbeitern des BOS Teams begrüßt wurde. Die Strapazen des langen Fluges und des Umsteigens waren sofort vergessen. Mir wurde die ganze Station gezeigt, welche sich über einen großen Bereich erstreckt. Es sind lange Wege von der Babystation bis zur Klinik, dann zur Quarantänestation und dem Säuglingshaus. Diese Bereiche sollten auch Teil meiner Arbeit werden.

Auch lernte ich, dass die Orang-Utans in verschiedene Gruppen eingeteilt werden, z. B. von 0-2 Jahren im Säuglingsbereich leben. Dieser liegt mitten im Dschungel. Die Kleinen werden dort besonders beaufsichtigt, da sie mit Babyfläschchen ernährt werden. Abends kommen sie in das Babyhaus wo sie in Wäschekörben schlafen, gut behütet mit Fläschchen und Spielzeug. Die größeren Tiere gehen in die Jungle-Schule, diese wird aufgeteilt in Klassen von der 1. bis zur 6., wo sie nach Alter, Größe und Reife eingeteilt werden. Anschließend kommen sie in ein Sozialisierungsprogramm bis zur Auswilderung. Diese acht Jahre in denen sie in diesem Projekt betreut werden, würden sie im Normalfall mit ihren Müttern verbringen wo sie alles erlernen: welche Früchte sie essen können und wie man ein Nest im Baum baut. Diese Aufgabe übernehmen nun die Babysitter (zur Information: Orang-Utans haben die längste Primatenzeit unter den Primaten – 8 Jahre). Ich war begeistert mit wie viel Aufopferung die Angestellten dort mit den Orang-Utans umgehen, um sie auf das Leben im Dschungel vorzubereiten.

Jetzt aber zu meinen Aufgaben: Mein Arbeitsalltag bestand darin, im Intensivbereich mit zu arbeiten. Der Intensivbereich ist dort die Quarantänestation in dem meine mitgebrachten gesponserten Sachen perfekt zum Einsatz kamen. Viele der Orang-Utans in der Quarantänestation hatten Malaria, unklare Magen-Darm-Infektionen (Parasitenbefall), Verletzungen, Schnittwunden und oft auch Lungenentzündungen. 6 – 7 Orang-Utans waren im Durchschnitt dort zu betreuen. In einem abgetrennten Bereich waren die Tiere mit TB oder Hepatitiserkrankungen.

Die Tiere lagen meist an Dauerinfusionen, so konnten sie perfekt mit Blutgasmessgeräten, Blutdruckmessgeräten, Antibiotika überwacht werden und so bekam auch das Verbandsmaterial seinen perfekten Einsatz. Regelmäßige Check-ups und Blutuntersuchungen sind hier unabdingbar. Z. B. mussten Parameter wie ALB, ALP, ALT, AMY, BUN, CA, CRE, GLOB, GLU, K+, NA+, PHOS, TBIl,

TP sowie Blutgase und Hämatologie bestimmt werden. Die Aufgaben waren Malariablutaufstriche anzufertigen und zu mikroskopieren, die klinisch-chemischen Untersuchungen, TBC Testungen, Hämatologieauswertungen und alle weiteren Untersuchungen durch zu führen. Neuankömmlinge wurden meist konfisziert, um den Gesundheitsstatus der Tiere zu überprüfen. Dies ist nötig um nicht weitere Orang-Utans anzustecken.

Auch habe ich bei der Medikamentenzusammenstellung geholfen. Z. B. wurden Medikamente in Melupabreibälle geformt oder Medikamente in Eiswürfeln gegeben, in Teeflaschen oder Säften, natürlich auch in Form von Spritzen, die Kreativität war gefragt. Die Säuglinge blieben im Säuglingshaus und wurden dort behandelt oder auch direkt in der Dschungelschule. So blieb mir nichts anders übrig, als einen Crashkurs im Motorrollerfahren zu machen, um alle Stationen erreichen zu können. Zu meinem Klinikalltag gehörten auch regelmäßige Schulungen des Klinikteams im Rahmen der Labormedizin, Organisation, sprich Neugestaltung der Räume, Temperaturmessüberwachung der Kühlschränke und die erforderliche Hygiene, Schulungen für die Babysitter in Hygiene, sowohl für die Babystation als auch im Säuglingshaus, Sterilisieren der Nahrungsfläschchen. Es war jedes Mal ein sehr ausgefüllter Tag.

Am Nachmittag war etwas Freizeit mit Schmusen und Spielen nachdem die anderen aus der Schule kamen. Das ganze Team setzte sich zusammen und man konnte den Kontakt intensivieren. Zu meinen besonderen Erlebnissen gehörte die Begegnung mit dem kleinen Orang-Utan Mädchen Nita. Die Kleine war gerade vier Wochen in der Station. Ich hatte sie sofort in meine Herz geschlossen. Jedes Mal wenn ich in die Quarantänestation kam, suchte Nita meine Nähe. Der Babysitter meinte, dies wäre eine ganz besondere Verbindungen zwischen uns. So war für mich klar, dass ich etwas tun konnte und habe die Patenschaft für Nita übernommen. Im Februar diesen Jahres hatte ich die Möglichkeit erneut zu diesem Projekt fliegen zu dürfen und Nita wieder zu treffen. Sie hat sich toll entwickelt.

Zu meiner Arbeit gehörte auch die Rufbereitschaft in der Nacht, um die Tierärzte etwas zu entlasten. Die Tiere waren nie alleine in der Quarantänestation, mindestens 3 Pfleger sind auch nachts für die Tiere da. Die ein oder andere Messung muss auch nachts durchgeführt werden. So bekam ich eines nachts einen Anruf von den Babysittern: oh Miss Barbel, Henda doesn’t sleep. Henda kam nachmittags um 16 Uhr in die Quarantänestation mit hohem Fieber. So hatten wir beschlossen, eine Infusion zu setzen, sie machte einen dehydrierten Eindruck. So ging ich nachts durch das Camp zur Quarantänestation (ich habe dort im Camp in einem kleinen Holzhaus gelebt). Henda saß in dem Raum in der Ecke, ihre rechte Hand umgriff den Infusionsständer. Ihr Kopf schaute zur Infusion und sie jammerte leise vor sich hin. Alle anderen Orang-Utans lagen schön auf ihren Matten und schliefen. Nur Henda nicht. Die Babysitter erklärten mir, dass sie es nicht geschafft haben Henda davon zu überzeugen, sich hinzulegen und zu schlafen. Nachdem ich die Infusion überprüft und festgestellt hatte, dass diese optimal liegt und nicht der Grund ihrer Wachsamkeit sein kann, bemerkte ich, dass sie fürchterliche Angst vor diesem Infusionsständer hatte. Eine halbe Stunde habe ich ihre Hand gehalten und sie mit Obst gefüttert, was sie dankend annahm. Sie wurde ruhiger. So beschloss ich mit den Babysittern, den Metallständer zu entfernen, eine Schlaufe an ihre Infusion zu machen und diese mit einem bunten Band an einem Fenster und ihrer Schlafmatte zu befestigen. Nach wenigen Minuten, es wurde schon langsam hell draußen, schlief Henda endlich ein.

Für diese und noch einige mehr wundervolle Erlebnisse während meines 3-wöchigen Aufenthaltes möchte ich mich bei dem Team, welches mich, trotz aller Sprachbarrieren, wirklich toll in der Gruppe aufgenommen hat, bedanken. Und so konnte ich mit meinem medizinischen Wissen aus meiner langjährigen Berufspraxis in der Kinderintensivmedizin und meinen labormedizinischen Erfahrungen dort Einiges weitergeben, was gerne angenommen wurde. Während ich über diese Erfahrungen berichte, bin ich mit den Gedanken schon bei meinem nächsten Projekt mit Orang-Utans, dem Aufbau einer Klinik in West-Kalimantan (International Animal-Rescue). Zusätzlich werde ich Orang-Utan Workshops mitgestalten und an diesen teilnehmen.

Auf diesem Wege möchte ich mich bei unserem Geschäftsführer Achim Henkel bedanken, da er diese Projekte umfangreich mit Reagenzien und auch mit unseren Laborgeräten unterstützt.

Bärbel Köhler


Dieser Bericht steht auch auf der Internetseite www.mondberge.com